(W)ehe du gehst

Schon vor einiger Zeit habe ich „Die Frauenkammer“ gelesen (siehe unten), das erste Werk des Autors im Thriller-Genre. Dieses hat mir schon gut gefallen, mit „(W)ehe du gehst“ hat Jannes C. Cramer noch ein bisschen zugelegt, die Geschichte an sich gefiel mir einfach noch ein bisschen besser.

 

Aber erst mal zum Inhalt:

Kira hat endgültig die Nase voll, jetzt endlich will sie sich von ihrem gewalttätigen Ehemann trennen. Wie kaltblütig dieser tatsächlich ist, zeigt sich jedoch schnell. Mit ihren Fluchtgedanken bringt Kira nicht nur sich selbst, sondern auch ihre beste Freundin Juliane in Gefahr. Um seine Frau zurückzubekommen, geht Jonas wortwörtlich über Leichen, wobei er weder besonders wählerisch noch zimperlich vorgeht. Zwischendurch muss er untertauchen und sich einige Zeit zurückziehen, wütet nur noch gedanklich unter der Oberfläche und führt ein scheinbar ganz normales Leben. Bis sich irgendwann die Ereignisse wieder überstürzen. Eine nicht unwichtige Rolle spielen dabei auch 200.000 Euro und eine geheimnisvolle Frau...

 

In diese Geschichte wird man als Leser rasend schnell hineingeworfen, wer denkt, er kann sich gemütlich auf dem Sofa zurücklehnen und erst mal in Ruhe die Figuren kennenlernen, wird schnell eines Besseren belehrt. Wenig zimperlich ist nicht nur der Protagonist, auch der Autor nimmt bei den Beschreibungen der Gewalttaten kein Blatt vor den Mund.

Im Vergleich zur Frauenkammer sind in diesem Buch die Figuren für mich plastischer, ich konnte eher mitfühlen und ihre Handlungen nachvollziehen. Besonders gut gelungen finde ich die beiden Hauptpersonen Kira und Jonas.

Sehr angenehm war auch das erneute Zusammentreffen mit Kommissar Frank Holper, noch besser allerdings die Rolle des Lukas Bender in diesem Buch. Chronologisch gesehen spielt vorliegende Geschichte vor der Frauenkammer, in welcher Reihenfolge gelesen wird, ist meiner Meinung nach aber nebensächlich.

Der Schluss ist mörderisch, rasant, logisch und so nicht von Anfang an zu erwarten. Der Epilog hätte meinetwegen nicht sein müssen, gestört hat er aber auch nicht.

Sprachlich ist das Buch sehr angenehm aufgebaut, es lässt sich zügig in einem Rutsch durchlesen, bei Thrillern ein gutes Qualitätsmerkmal, finde ich. Wenn es gerade spannend ist, mag ich keine komplizierten Sätze oder wunderschöne, aber sperrige Formulierungen.

Sehr gut gefällt mir der Titel, das Sprachspiel „(W)ehe du gehst“ passt perfekt und macht neugierig. Das Cover sieht auf den ersten Blick nicht düster genug für einen Thriller aus, bei genauerem Hinschauen ist aber auch dieses passend.

 

Ich hoffe, ein dritter Band folgt bald, für diesen gibt es auf jeden Fall schon mal eine klare Kaufempfehlung für Thrillerfans.

Die Frauenkammer

Wie so oft bei Thrillern beginnt die Geschichte mit einer weiblichen Leiche, erst mal also nichts Neues, wenn auch so gut geschrieben, dass das Weiterlesen leicht fällt. Sehr schön und weniger häufig ist die Tatsache, dass dem Leser auch gleich der Mörder präsentiert wird. Lukas Bender, Privatdetektiv von Beruf, geht in seiner freien Zeit einem Hobby nach, was sich so gar nicht mit den Grundsätzen von Recht und Ordnung vereinbaren lässt. Unter seinem schicken Häuschen befindet sich nämlich die Frauenkammer, einen Quadratmeter breit und zwei Meter hoch. Hierhin verschleppt er seine Opfer, um sich an ihrer Angst zu weiden. Sexuelle Absichten verfolgt er dabei nicht, lediglich seine Rachegelüste sollen befriedigt werden. Die Polizei steht vor einem Rätsel und zieht einen externen Berater hinzu, was die Geschichte jedoch erst recht verworren macht. Alles scheint miteinander verbunden, auch die Tochter des Kommissars soll noch eine Rolle spielen... mehr kann ich leider nicht erzählen ohne großartig zu spoilern.

Insgesamt ist Jannes Cramer mit diesem Buch ein solider Thriller gelungen. Einige seiner Ideen sind gut, seine Frauenkammer als Folterinstrument gut geplant und die Geschichte an sich ist ordentlich durchdacht und schlüssig. Die Personenbeschreibungen bleiben teilweise ein bisschen an der Oberfläche, den Kommissar samt Familie lernt man als Leser ganz gut kennen, auch die Opfer wirken anschaulich, wenn auch manchmal ihre Emotionen nicht ganz auf mich übergesprungen sind. Glücklicherweise kann ich aber auch nicht wirklich nachvollziehen, wie es sich anfühlt in solch einem Gefängnis Todesängste auszustehen. Lukas Bender als Täter blieb mir in seinem Charakter jedoch verschlossen. Er nennt den Grund für seine Rache zwar, aber ich hatte beim Lesen immer das Gefühl, es müsste noch mehr dahinter stecken. Ob dies nun vom Autor beabsichtigt war oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Es sorgt jedenfalls dafür, dass man auch nach der Lektüre noch ein wenig länger über den Täter nachdenkt.

Sprachlich und stilistisch liegt der Text ebenfalls im guten Bereich, er hebt sich nicht unbedingt von anderen Thrillern ab, kann aber durchaus mithalten. Sehr gut gefallen haben mir die ständigen Wechsel der Erzählperspektive, mal las man aus der Sicht des Kommissars, dann wieder aus der der Opfer oder des Täters.

Herausragend finde ich das Cover, nur selten gibt es welche, die mir richtig gut gefallen und dies gehört dazu: mattschwarz, mit einem weinenden Frauengesicht und passender Schrift, ohne auch nur irgendwie kitschig zu wirken.

Jannes Cramer hat dieses Buch über amazonpublishing auf den Markt gebracht und ich merke nicht zum ersten Mal, dass auch unter den Selfpublishern (entgegen einiger Vorurteile) durchaus gute Bücher zu finden sind, man muss eben ein bisschen suchen und Glück haben (andersherum können auch Werke großer Verlage sehr enttäuschen).

Ein paar Seiten mehr hätten es sein können, vielleicht hätte ich dann den Täter auch besser verstanden, eine Kaufempfehlung gibt es trotzdem für alle, die einen ansprechenden Thriller suchen, den man gerne weiterliest.

 

amazonpublishing; Taschenbuch 184 Seiten, 2013