Quelle: Ullstein verlag

Der Sohn

Eine irritierende, verstörende und wunderbar ausgearbeitete Hauptfigur, mörderisch, gewalttätig und trotzdem irgendwie der Gute.

 

Mit eben dieser Hauptfigur startet die Geschichte: Sonny Lofthus, heroinabhängig und wegen Mordes im Gefängnis.

Hier hat er eine Art Heiligenstatus, gerade weil er mit fast niemanden spricht, eignet er sich wunderbar als stiller Zuhörer. Irgendetwas scheint an ihm zu sein, weswegen sich die anderen Häftlinge von ihm eine Absolution ihrer Sünden versprechen.

Seine wahre Geschichte offenbart sich erst nach und nach, als er plötzlich und für alle unerwartet aus dem Gefängnis flieht. Danach erschüttert eine brutale Mordserie die norwegische Stadt. Die Verbindungen der Opfer zueinander lassen sich nicht so schnell aufdecken, aber irgendwann wird klar, dass alle Opfer vorher selbst Täter waren. Das Sonny für diese Morde verantwortlich ist, scheint nahe zu liegen und trotzdem gewinnt er beim Leser schnell Sympathien, zeigt sich als unschuldiger, junger Mann, der die letzten 10 Jahre seines Lebens verpasst hat und nun nachholen will. Eine große Rolle spielt dabei auch die junge Sozialarbeiterin Martha. Doch wem letzten Endes wirklich zu trauen ist, erschließt sich erst ganz am Ende des 500 Seiten dicken Buches. Und selbst dann ist irgendwie immer noch nicht so ganz klar, wer denn nun der Gute und wer der Böse ist.

Jo Nesbo ist es hier wunderbar gelungen, eine Welt dazustellen, die sich nicht in Schwarz und Weiß, Gut und Böse einteilen lässt. Es hat bei mir ein bisschen gedauert, bis ich Zugang zu dieser Welt gefunden habe, aber als es soweit war, wollte ich auch nicht wieder raus. Das Buch hat mich wirklich mit dem irritierenden Gefühl zurückgelassen, dass irgendetwas immer noch nicht stimmt, ich wollte nicht weg. Obwohl alles aufgelöst wurde...fast. Eigentlich.

Die Story ist an manchen Stellen schon etwas verwirrend, viele Personen agieren an vielen Orten, man sollte das Buch auf keinen Fall längere Zeit weglegen, um dann irgendwann weiterzulesen, es könnte schwierig werden, dann wieder hereinzufinden. Sehr angenehm finde ich, dass der Autor „eingängige“ skandinavische Namen gewählt hat, so dass es auch für deutsche Leser nicht schwer ist, sich die Figuren zu merken und kennenzulernen. Diese Figuren sind es schließlich auch, die das Buch besonders lesenswert machen, jede einzelne hat ihren ganz spezifischen Charakter und nimmt den Leser mit, zeigt ihre Welt und ihre Gefühle.

Ganz zu Anfang klang das Geschriebene für mich ein bisschen holprig, was aber einfach passieren kann, wenn ein Buch in eine andere Sprache übersetzt wird. Manches lässt sich eben nur in einer bestimmten Sprache ausdrücken. Schade, dass ich das Original nicht verstehen kann ;-)

Wie auch immer, mir hat das Buch sehr gut gefallen, klare Kaufempfehlung.

 

Ullstein Verlag, Hardcover, 522 Seiten, November 2014