Das Wittgensteinprogramm

Ein bisschen Philosophie, ein bisschen Science Fiction und ein bisschen Thriller... das sind die Hauptzutaten, aus denen Philip Kerr einen preisgekrönten Roman gezaubert hat.

 

 Im London des Jahres 2013 geht es nicht gerade friedlich zu: auf der Polizeistation wird fleißig ausgehandelt, wer in welchem der zahlreichen Mordfälle ermitteln darf. Einige Serienkiller treiben ihr Unwesen, woran auch das neuartige Lombroso-Computer-Programm nichts ändern kann. In diesem sind alle Männer verzeichnet, die eine Gehirnanomalie aufweisen, welche wiederum ein Zeichen für eine höhere Gewaltbereitschaft sein soll. Einer dieser Serientäter wird allerdings auf beunruhigende Weise mit diesem Programm in Verbindung gebracht: Scheinbar hat er es auf die hierin verzeichneten Männer abgesehen und tötet diese alle auf die gleiche Weise: mit sechs Schüssen in den Hinterkopf. Dies versetzt die gesamte Politik in Aufregung, schließlich ist das Programm sowieso schon sehr umstritten und, was noch viel wichtiger ist: es wurde garantiert, dass niemand auf die Daten des Programms zugreifen kann.

Nun, jemand hat es dann doch geschafft, was darauf schließen lässt, dass dieser Jemand mit einer relativ hohen Intelligenz gesegnet sein muss. Die eingeschobenen Gedankengänge des Mörders zeigen dann auch relativ schnell, dass der Grad zwischen Genie und Wahnsinn tatsächlich schmal ist, philosophische Abhandlungen mischen sich zu wirren Gedankengängen, die darauf schließen lassen, dass der Mann sich eventuell für einen modernen Robin Hood hält, mindestens aber keinerlei Schuldbewusstsein aufweist. Anfangs widerwillig wird als Hauptermittlerin die Kommissarin Jake erwählt, die durch eine gelungene Darstellung schnell Sympathiepunkte beim Leser gewinnt. Das Ende des Buches ist passend, nicht spektakulär, aber eine runde Sache.


Von dem Titel und dem Klappentext absolut angesprochen, hatte ich sehr hohe Erwartungen an das Buch, die jedoch leider nicht ganz erfüllt wurden. Die Idee, einen Philosophen als Täter zu beschreiben ist sehr schön, vor allem weil es abseits von den sonst so üblichen Klischees der „Traumatische-Kindheit-Mörder“ ist. So wird auch tatsächlich nicht wirklich begründet, woher der wirre Geist des Täters stammt: Er tötet einfach, weil er es für richtig hält. Leider sind aber die philosophischen Gedankengänge zeitweise sehr langatmig, um nicht zu sagen, sehr langweilig zu lesen. Für ausgebildete Philosophen erscheinen sie bestenfalls als populäres Halbwissen, für philosophieferne Leser als mühseliges Geschwafel. Sehr schade, dies zieht das Buch doch sehr in die Länge.

Trotzdem regt das Buch doch sehr zum Nachdenken an, da es einige fiktive Science Fiction Elemente enthält, die gar nicht so fiktiv klingen. Zum einen gibt es dem beschriebenen England des Jahres 2013 z.B. ein Strafkoma für besonders schwere Straftäter, als Alternative zu einer Haftstrafe. Hier lohnt es sich schon, über die ethischen Fragen, die eine solche Strafe mit sich brächte zu sinnieren. Ebenso verhält es sich mit dem Lombroso-Programm und seinen Folgen: Zum einen wird damit in Frage gestellt, ob die Straftäter wirklich schuldig sein können, wenn sie doch aufgrund einer Gehirnanomalie handeln. Haben sie dann überhaupt einen freien Willen? Und in dem Zuge: hat überhaupt jemand einen freien Willen? Gibt es diesen, wenn man Verhaltensweisen aus den Ausformungen unseres Gehirns erklären kann? Zum Anderen steht auch die (real aktuelle) Frage nach der Datensicherung im PC-Zeitalter im Raum... was darf wer von meinen Daten wo aufzeichnen und wer hat Zugriff darauf?


Das Buch hat also wirklich philosophisches Potenzial und wäre auch wirklich sehr gut, wenn der Autor es geschafft hätte, ein wenig mehr Spannung aufzubauen. So plätschert es stellenweise sehr dahin. Der Autor hat damit den deutschen Krimi-Preis für den besten internationalen Kriminalroman 1995 bekommen, für die Idee sicherlich verdient, für das Lesevergnügen hätte ich einige andere Bücher vorgezogen.


Originaltitel: A philosophical investigation,