Zechengeister

Phantastisches Buch gegen Vorurteile

 

Der Fantasy-Bereich ist groß, und leider wurde ich ein paar Mal abgeschreckt von schwülstigen Liebesschnulzen aus diesem Bereich. „Zechengeister“ von Romy Wolf ist glücklicherweise ein schönes Beispiel dafür, dass es auch anders geht.

Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um in die Geschichte hineinzufinden. Aber als ich die handelnden Personen besser kannte, hat es sich zu einem sehr lesenswerten Buch entwickelt, dass trotz phantastischer und historischer Elemente auch einen aktuellen Bezug aufweist.

 

Die Geschwister Neni und Micha leben im Ruhrgebiet Anfang des letzten Jahrhunderts. Die Landschaft und Arbeitswelt ist geprägt vom Kohleabbau in den Zechen, die Mentalität der Menschen von Vorurteilen gegen alles Fremde und vom dogmatischen Katholizismus.

Die Tage ziehen sich hin mit schlafen, arbeiten und unauffällig sein, bis eine unbekannte Bedrohung auf der Bildfläche erscheint: Die Narrenkrankheit. Sie macht die befallenen Menschen zu Scheintoten, die keinerlei Interaktion mit der Außenwelt mehr betreiben können. Für die deutschen Bewohner scheinen die Schuldigen schnell gefunden: eingewanderte Italiener und Polen haben dieses Übel mitgebracht. Neni allerdings schert sich nicht um diese Vorurteile, sie sucht den Kontakt zu ausländischen Kindern und vor allem zu etwas völlig Absurdem: zu Geistern.

Dies jedoch bringt sie in große Gefahr, die ihr selbst und vor allem ihrem Bruder lange Zeit nicht bewusst ist. Erst nach und nach akzeptiert er, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die sich nicht einfach so mit seinem bisherigen Weltbild vereinbaren lassen. Er lernt Wesen kennen, die ihm mehr Menschlichkeit beibringen, als es andere Menschen jemals geschafft haben. Eine große Rolle spielen hierbei auch der Kostgänger des Hauses, Peter, und die beiden weiteren Hauptfiguren Falkor und Jari. Mehr sei an dieser Stelle zum Inhalt nicht gesagt, wie erwähnt: es lohnt sich, dieses Buch selbst zu lesen.

Die Figuren sind sehr schön ausgearbeitet, bei weitem nicht ausschließlich gut oder böse, sondern einige sehr ambivalent. Trotzdem wird es einem als Leser leicht gemacht, ihre Beweggründe nachzuvollziehen, auch wenn sie vielleicht nicht dem eigenen Denken entsprechen. Hier sehe ich wirklich die größte Leistung der Autorin. Sie hat es geschafft, mich emotional einzubinden, besonders das Ende der Geschichte ist hier sehr gelungen.

Das gesamte Werk ist logisch und schlüssig aufgebaut, manchmal viel es mir allerdings schwer, den Szenenwechseln sofort zu folgen. Vermutlich ist dies aber auch der Intensität der einzelnen Handlungen zuzuschreiben, gedanklich war ich noch bei der vorherigen Szene, während die nächste schon wieder begonnen hatte.

Sprachlich ist das Buch detailliert gehalten, flüssig zu lesen und ohne komplizierte Fallstricke oder unschöne Formulierungen.

Besonders hervorzuheben ist in meinen Augen der Umgang mit Vorurteilen und die Fähigkeit, eigenes Verhalten in Frage zu stellen, beides von der Autorin wunderbar umgesetzt und gerade aktuell ein wichtiges Thema.

 

Insgesamt ein sehr schönes Buch, mit gut umgesetzten Ideen und Protagonisten. Von mir gibt es eine klare Kaufempfehlung, durchaus auch für Leser, die dem Fantasy-Genre nicht uneingeschränkt zugeneigt sind.

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