Vera Nentwich

Liebe vertagen, Mörder jagen

Ein locker-leichter Krimi, der durch seinen durchaus ernsten Hintergrund zu etwas ganz Besonderem wird.

 

Biene lebt gerade in Paris und ihr einziges Ziel ist es, den charmanten Argentinier Jago ins Bett zu bekommen. Schließlich sagt sogar ihre Oma schon, dass ein ausgefülltes Sexleben überaus wichtig sei. Und aktuell hat die alte Dame hier mehr Erlebnisse, als Biene selbst...

Leider wird davon nichts. Nicht nur, dass Biene sich gerne in peinliche Situationen bringt, jetzt ist es ihr Freund Jochen, der in Deutschland Hilfe benötigt. Sie reist also ab und findet sich sofort wieder in einem Gewirr aus Mord, eifersüchtigen Menschen und Liebeschaos.

Was liegt da näher, als sich selbst als Detektivin zu betätigen?

Ob diese Idee wirklich so gut ist, zeigt sich schnell im weiteren Verlauf der Geschichte.

Wie sich Bienes Liebesleben entwickelt, bleibt derweil etwas länger spannend, ebenso wie die Frage nach dem Mörder.

 

Vera Nentwich hat hier tatsächlich einen locker-leichten Krimi verfasst, der als solcher allein sicherlich schon nett gewesen wäre. Die Handlung ist zwar nicht bahnbrechend innovativ und wirkt stellenweise etwas konstruiert, aber fiktive Kriminalfälle sind eben keine realen Geschichten.

Das, was das Buch aber wirklich zu etwas Besonderem macht und ihm Tiefgang verleiht, ist die Geschichte drumherum. Eigentlich ist es nämlich eine Geschichte um die Suche nach Anerkennung, um das Finden des eigenen Lebensweges und der individuellen Persönlichkeit.

Zum Einen zeigt sich dies an der herrlich chaotischen und manchmal schrägen Protagonistin Biene. Knapp über 30, sucht sie immer noch nach ihrem Platz im Leben, einschließlich der großen Liebe. Während ihre Freunde Häuser bauen und Kinder bekommen, weiß sie noch nicht einmal, wo es sie beruflich weiter hin verschlägt. Eine große Unterstützung ist jedoch ihre Oma, mit der sie in einer Art WG lebt.

Aber hier geht es schon los: Ist es dem Alter normal, mit seiner Oma zusammen zu wohnen? Schon in diesem, kleineren Detail, stellt sich eine Frage , die in dem Buch mehrfach aufgeworfen wird:

 

Was ist eigentlich normal? Und wer darf bestimmen, was normal ist?

 

Im Vergleich zu Biene hat es da eine weitere Figur des Buches noch schwerer: Andrea wurde als Mann geboren und ist nun eine Frau. Voll und ganz und mit allem Drumherum. Trotzdem hat sich das kleine Provinznest, in dem die Geschichte spielt, noch immer nicht daran gewöhnt und ihre Eltern schonmal gar nicht. Von diesen wurde sie verstoßen, ist nicht mehr Teil der Familie. An diesem Punkt bekommt das Buch sogar einen tragischen Anteil, der zwar immer wieder durch die komischen Wesenszüge der Protagonistin aufgelockert wird, unterschwellig aber deutlich zu spüren ist. Das ist es, was mir an diesem Buch so gefallen hat: Oberflächlich betrachtet ist es ein netter Krimi für zwischendurch, beim Lesen wird man jedoch irgendwann gezwungen, über die Frage der Normalität nachzudenken und in dem Zuge vielleicht auch über seinen eigenen Lebensweg. Zumindest gewinnt das Buch an Tiefe, die anfangs nicht zu erahnen war.

 

Der wichtigste Grund dafür sind natürlich die Figuren der Geschichte. Vera Nentwich hat sie sicherlich ein bisschen überzogen dargestellt, aber wie bei guten Karikaturen bringt sie dadurch das Ganze auf den Punkt. Liebenswert sind sie alle, selbst schrullige alte Damen können so das Herz des Lesers erobern.

 

Der Schreibstil ist flüssig und entspannt zu lesen, oft komisch, manchmal ironisch und gelegentlich auch traurig, nie jedoch langweilig.

Insgesamt also ein Buch, dass eigentlich gar kein Krimi ist, jedenfalls nicht nur, sondern in dem schon eine Menge mehr steckt. Ich empfehle es gerne und uneingeschränkt weiter :-)

 

Zu dem Buch wird eine sehr schöne Blogparade veranstaltet, hier ist mein Beitrag dazu: Was meine Familie mit Schubladen zu tun hat.

Taschenbuch, 286 Seiten, September 2016

 

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