Ich finde mich mörderisch gut!

Oder: Was meine Familie mit Schubladen zu tun hat

Hallo und herzlich willkommen beim heutigen Beitrag zur Blogparade „Ich finde mich mörderisch gut“.

Einige von euch haben sicher schon die Beiträge an den vorherigen Tagen auf den vielen anderen Blogs gelesen, so dass ihr wisst, worum es geht. Falls nicht, hier nochmal als ganz kurze Info: Aufhänger ist der Krimi „Liebe vertagen, Mörder jagen“ von Vera Nentwich. Meine Rezension dazu findet ihr hier. In besagtem Buch gibt es mehrere Personen, die auf der Suche nach sich selbst sind und dafür durchaus auch schonmal ihr ganzes Leben umkrempeln. Protagonistin Biene zum Beispiel steht vor den Fragen, wie sie sich beruflich weiter orientieren möchte und auch, wie sie ihr Liebesleben gestalten soll (nebenbei will sie natürlich auch noch einen Mord aufklären ;-))

Sinn und Ziel dieser Blogparade ist es, das Buch mit eigenen, persönlichen Erfahrungen zu verknüpfen, insbesondere mit der Frage, was ich an mir mörderisch gut finde.

Was sich so leicht anhört, stellt mich vor eine ziemlich große Herausforderung, und ich denke schon seit ein paar Tagen darüber nach, was ich hierzu schreiben möchte. Natürlich gibt es Eigenschaften an mir, die ich mag. Aber nicht jeden Tag und ganz oft haben sie auch einen Haken, irgendwie hat alles Positive immer auch etwas Negatives. Selbstzweifel gehören demnach immer zu mir, und sind eigentlich etwas, das eher hemmend statt fördernd ist. Aber: Es hilft bei der Selbstreflexion, auch da gibt es also eine Kehrseite der Medaille.

Lange Rede, kurzer Sinn: Mir ist dann doch noch etwas eingefallen, was ich an mir mag und zu dem Buch passt:

Mein Schubladendenken. Klingt negativ?

Ja, ist es auch. Ich sehe manchmal Menschen und beurteile sie nach ihrem Aussehen. Oder nach dem, was ich denke, wie sie sein müssten. Oder nachdem was sie sagen. Oder wie sie mich angucken. Oder...

Auf jeden Fall ohne mir weitere Gedanken zu machen und ohne die Hintergründe zu kennen. Das ist definitiv doof, weil ich so einige nette Eigenschaften übersehe, ebenso wie spannende Sichtweisen.

Jetzt kommt aber das, was ich an mir mag und was ich auch versuche, meinem Sohn beizubringen: Man muss seine Mitmenschen aus den Schubladen auch wieder herauslassen, in die man sie gesteckt hat. Es gibt nämlich kaum jemanden, der in nur eine einzige passen würde, manchmal reicht nicht mal ein ganzer Schrank. Auch wenn ich auf den ersten Blick jemanden nicht sonderlich mag, weil er vielleicht wie ein ausgesprochen langweiliger, spießiger Anzugträger aussieht, der mir mit Sicherheit eine unsinnige Versicherung andrehen will, höre ich mir an, was er zu sagen hat. Versuche, hinter die Fassade zu blicken und den Menschen hinter dem Bild zu sehen. Wohlgemerkt: Mein Bild, das jemand anderes auch durchaus anders sehen kann.

Ich versuche, Menschen differenziert zu sehen und anzuerkennen, dass jemand nicht so lebt, wie ich es für richtig halte. Meine Werte und Normen sind schließlich nicht allgemeingültig, sondern rein subjektive Erfahrungswerte.

Außerdem hat jeder das Recht und die Möglichkeit, sich zu ändern, seine Einstellungen zu überdenken und bei Bedarf anzupassen. Und das heißt wiederum für mich, ich muss mein Urteil auch anpassen. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Das einzig Komplizierte ist, meine Gedanken hierzu in Worte zu fassen.

Am besten wäre es natürlich, sich gar nicht erst (Vor)urteile zu bilden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob dies überaus möglich ist. Ich zumindest brauche immer mal wieder Strukturen und Kategorien, um klar zu sehen, und da werden eben auch gerne mal meine Mitmenschen einsortiert. Wichtig ist, wie gesagt, sie ab und zu wieder freizulassen. Hausputz für die Schubladen im Kopf, sozusagen.

Diese Eigenschaft hat auch Protagonistin Biene. Sie geht z.B. relativ unvoreingenommen auf Andrea zu, die ursprünglich ein Mann war. In einem kleinen Dorf wie Grefrath, wo die Geschichte angesiedelt ist, definitiv ein Problem. Das wäre es hier bei mir zuhause auch, auch ich lebe in einem klitzekleinen Dörfchen, in dem manchmal die Zeit stillgestanden ist und es noch nicht in allen Köpfen angekommen ist, dass es verschiedene Lebensformen gibt. Und das Abweichungen von der Norm nicht automatisch falsch sind. Womit wir wieder bei den Schubladen wären.

Auch meine Art, mein Leben zu gestalten, missfällt wohl immer mal wieder dem Einen oder Anderen. Wobei ich auf einige Menschen immer zählen kann, und damit bin ich auch bei einer weiteren Frage, um die es bei dieser Blogparade geht:

Gibt es eine bestimmte Person, die dir dabei geholfen hat, zu dir selbst zu stehen, dich zu outen, dich selbst zu lieben?

Ja, definitiv. Ich musste mich nie outen, aber auch wenn ich mich manches Mal nicht Dorfkonform verhalten habe, gab und gibt es immer wichtige Menschen, die meine Aktionen und Ideen vielleicht nicht gutheißen, aber akzeptieren. Ich kann mich trotzdem auf sie verlassen und weiß, dass sie in jeder Hinsicht hinter mir stehen: Meine Familie. Meine Eltern und meine Brüder verstehen manchmal vielleicht nicht, warum ich so und nicht anders gehandelt habe. Und manchmal rücken sie mir auch den Kopf zurecht. Trotzdem weiß ich aus tiefstem Herzen, dass sie im Zweifelsfall immer hinter mir stehen werden. Diese Gewissheit von klein auf hat mich wohl zu dem gemacht, was ich bin und hat vor allem dafür gesorgt, dass ich auch andere Menschen so akzeptieren kann, wie sie sind.

Andrea, um wieder auf das Buch zurück zu kommen, ist es da ganz anders ergangen, sie wurde aufgrund ihrer Umwandlung von ihrer Familie verstoßen und selbst als es ihr sehr schlecht ging, kümmerte sich niemand um sie. Das hat mich sehr erschreckt und erschüttert und ich bin sehr froh, diese Angst nicht haben zu müssen.

Abschließend also: Ich finde es mörderisch gut, dass es in meinem Umfeld Menschen gibt, die mich aus ihren Schubladen wieder herauslassen und mich sein lassen, wie ich bin :-)

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Kommentare

  • Vera Nentwich (Sonntag, 02. Oktober 2016 09:48)

    Liebe Tanja,
    gerade vorgestern habe ich im Fernsehen einen Neurologen gesehen, der erläutert hat, dass unser Gehirn immer in Schubladen denkt und wir lernen müssen, dass was wir meinen zu sehen zu hinterfragen.
    Du hast also sogar wissenschaftlich gesehen völlig recht mit deiner Herangehensweise. Danke für diesen schönen Artikel.
    Herzlichen Gruß,
    Vera

  • Kerstin (Sonntag, 02. Oktober 2016 14:16)

    Hej,
    die lieben Schubladen. Ich bin ein sehr großer Fan davon. Es macht das Leben einfacher. Ich halte es aber sehr ähnlich und gebe jedem Menschen die Chance mich eines besseren zu belehren. Aber ich
    besitze inzwischen eine ganz gute Menschenkenntnis, dass ich schon die passende Schublade parat habe. Es heißt ja nicht, dass sie auf Dauer sein muss. Ich behaupte mal jeder hat in seinem Kopf ein
    gewisses Raster, in die er seine Erfahrungen mit unseren Mitmenschen sortiert. Ob nun Schublade oder nicht. Ich finde am Ende kommt jede Kategorisierung auf das Gleiche hinaus.
    Ich finde es sehr mutig so offen darüber zu sprechen. Denn auch damit wird man oft gleich wieder in eine Schublade gesteckt. LG Kerstin

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