Estelle

Mit geschlossenen Augen saß sie im Boot und gab sich ganz dem sanften Schaukeln der Wellen hin. Die Sonne wärmte ihr Gesicht, und während die Vögel fröhlich über ihr zwitscherten, ließ Estelle ihre Gedanken ziehen. Sie dachte an früher, an ihre Eltern, ihre Kindheit.

Irgendwo hatte sie mal gehört, dass Eltern generell immer das Beste für ihre Kinder wollten. Nun ja. Ihre Eltern hatten da vielleicht eigene Maßstäbe. Für Tobias, den Bruder, wollten sie Ehre, Ruhm und Reichtum, förderten dies nach allen Regeln der Kunst und mit Hilfe aller Beziehungen, die ihr Vater aufbringen konnte.

Ob Tobias eine schöne Kindheit hatte? Sie wusste es nicht. Vielleicht. Wie alle anderen, hatte er ja nie mit ihr geredet.

Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wann es anfing.

Die stummen, vorwurfsvollen Blicke. Die hochgezogenen Augenbrauen. Das Fehlen der Worte. Eigentlich musste es eine Zeit gegeben haben, in der wenigstens ihre Mutter zu ihr gesprochen hatte. Vielleicht sogar mal zu ihr sagte: „Ich habe dich lieb.“

Reines Wunschdenken, schalt sie sich. Tatsache war, dass ihr Eltern, solange sie denken konnte, noch nie ein Wort zu ihr gesprochen hatten. Über sie, sicher. Über das Mädchen. Erst in der Schule wurde sie mit ihrem Namen benannt und selbst das nur selten.

Obwohl sie nie auch nur einen Tag gefehlte hatte, konnte sie sich nur an wenige Gelegenheiten erinnern, bei denen im Unterricht oder gar in der Pause jemand zu ihr gesprochen hätte. Was Freundschaft oder Zuneigung bedeutet, wusste sie nicht. Heute noch nicht. Dabei war es nicht mal so, dass sie nicht gemocht wurde. Sie wurde einfach nur nicht wahrgenommen. War eigentlich gar nicht da.

 

Erst als Bernd auftauchte, verstand sie, was es heißt "Jemand" zu sein. Nicht irgendjemand, sondern Estelle. Estelle, die einen Mann heiratete, der nicht nur unverschämt gut aussah, sondern mit ihr sprach! Sagte, sie sei sein Mäuschen und er liebe Frauen, die sich den Männern anpassen könnten. Tja, das konnte sie wohl, sich anpassen. Unauffällig sein, gefällig. Einen kurzen Moment erfuhr sie, was es heißt, angenommen zu werden.

 

Aber das ging vorüber. Ganz schleichend, langsam, wurde sie trotzdem wieder ein Niemand. Erst beschimpfte Bernd sie wenigstens noch, schlug sie manchmal. Nicht stark, nur eine Ohrfeige, oder ein paar Knuffs auf den Arm. Das war okay, da war sie wenigstens noch wer. Aber im Ehebett schlafen durfte sie schon damals nicht mehr. Eine kleine Kammer hatte er für sie freigeräumt, mit einer eigenen Matratze. Immerhin, eine Matratze für Niemanden wäre ja Quatsch, Bernd musste sie also noch bemerkt haben. Immerhin.

Irgendwann brachte er fremde Frauen mit nach Hause. Sie gingen mit ihm ins Schlafzimmer. Ins Ehebett. Estelle war im gleichen Haus und doch nicht da, Bernds Liebschaften schoben sie einfach beiseite, wenn sie im Weg stand. Sie lachten sie aus und zogen über sie her. Das war auch noch okay, immerhin sahen sie sie.

Wann genau auch das vorbei war, ließ sich gar nicht mehr sagen. Erst hörten die Frauen auf, sie zu beachten, und irgendwann war sie auch für Bernd verschwunden. Er schaute sie nicht mehr an und sprach kein Wort mehr mit ihr. So wie es früher schon war.

Der weiße Prinz war doch nur ein Frosch.

 

Trotzdem sah sie ihn immer noch gerne an, seine männlichen Gesichtszüge, seine hohen Wangenknochen, die dunklen Haare, die ihm immer so lustig in die Stirn fielen. Selbst heute morgen noch, als er sich kaum noch bewegen konnte. Weil er schon soviel Blut verloren hatte, vermutete sie. Sicher war sie sich nicht, sie war ja keine Ärztin.

Ein bisschen erschrocken hatte er gewirkt, als er gemerkt hatte, dass sie ihn im Schlaf an die Bettpfosten gefesselt hatte.

Wie so oft, hatte Bernd am Abend vorher ein paar Gläschen Wein getrunken. Dort ein paar Schlaftabletten unterzubringen war ein Leichtes. Sie war ja unsichtbar. Deswegen wachte er natürlich auch nicht auf, als sie die Kabelbinder um seine Hand- und Fußgelenke zurrte. Nur seine Dirne erwachte irgendwann und rannte schreiend aus dem Haus, sie wirkte ziemlich erschrocken. Vielleicht wegen des großen Küchenmessers in Estelles Hand. Es ging ganz leicht durch Bernds Haut, gut, dass er immer auf ordentliche Qualität achtete. Sicher, die Blutflecken auf dem Bettzeug hätten ihn verärgert, wenn er hingesehen hätte. Aber er fing sofort an zu schreien, als er Estelle auf ihm sitzen sah. Mit dem Messer in der Hand. Das freute sie sogar ein bisschen. Ihr Traumprinz Bernd sah sie an, starrte sie sogar an und als er sie schließlich bei ihrem Namen rief, konnte sie ihr Glück kaum fassen. Immer wieder stieß sie mit dem Messer zu, juchzte und schrie vor Begeisterung und Glückseligkeit.

Sie war endlich wieder da, sie war Estelle und war jemand!

 

Wie sie nun in das Boot gekommen war, wusste sie nicht mehr. Aber es war gut, sie war jetzt Jemand. Sie war Estelle, die fest nach den Paddeln griff und der Sonne entgegen ruderte.

 

 

25.06.2016

 

 

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