Barbara Schinko

Ein Mantel so rot

Märchenspinnerei Band 2

Den zweiten Band der Reihe „Märchenspinnerei“ hat Barbara Schinko verfasst, und auch hierbei handelt es sich um eine Märchenadaption. Das Originalmärchen, an dem die Autorin sich im weitesten Sinn orientiert hat, ist das allseits bekannte Rotkäppchen.

Für Kinder ist diese Geschichte jedoch nicht wirklich geeignet und die Protagonistin trägt zwar einen roten Mantel mit passender Kapuze, ist ansonsten aber deutlich erwachsener als das Kind aus der grimmschen Variante. Der Wolf spielt eine große Rolle, allerdings ebenfalls deutlich verändert, und Jäger und Großmutter bekommen auch ihren Platz.

 

Zoya lebt mit ihrem Mann Venko in einem kleinen, mittelalterlich anmutenden Dorf, das Land wird von einem Zaren beherrscht und die Menschen dort überleben mehr schlecht als recht. Venko muss regelmäßig für seinen Herrscher in den Krieg ziehen und irgendwann kommt er mit einem Wolfsfell bekleidet wieder zurück. Dies sorgt nicht nur bei seiner Frau für Unmut, laut Sage werden die Träger eines solchen selbst zum Wolf und wer mit ihnen das Bett teilt, wird eines Tages Welpen statt Kindern gebären.

Tatsächlich bringt der Mantel mehr Unglück über die Familie, als Zoya ertragen kann, ob ihre Schwester helfen kann, oder der Jäger Grischa, bleibt fraglich. Die junge Frau ist schließlich nicht mehr sicher, ob ihre Erinnerungen sie trügen, ob sie wirklich den liebt, den sie lieben sollte und es nicht doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sie bisher annahm.

Und wenn sie nicht gestorben sind... na ja, lest selbst, ob und wer hier stirbt, die Stimmung ist in jedem Fall düster und bedrohlich: Der dunkle Wald, Kälte, Einsamkeit und Verzweiflung werden deutlich greifbar. Dies ist es auch, was mich an dem Buch am meisten beeindruckt hat, die unheimliche Atmosphäre, obwohl eigentlich ganz viel Gefühle und vor allem die Liebe behandelt und thematisiert werden. Aber auch die Liebe ist eben nicht immer rosa und glitzerig daher, sondern unter Umständen im Wolfsfell, hier hat die Autorin wirklich auf wenigen Seiten ganz viel Stimmung erzeugen können.

Die gesamte Geschichte würde ich eher als völlig neues Märchen denn als reine Adaption sehen, viele typische Elemente dieses Genres finden hier ihren Platz. Der Sprachstil ist dem historisch-fantastischen Setting angepasst, die Figuren sind märchenhaft stereotyp (der Mann ist zum Beispiel ganz klassisch der Rudelführer und Beschützer) und das Ganze hat eher den Charakter einer (langen) Kurzgeschichte als den eines Romans. Wie im Märchen eben.

Trotzdem konnte ich zu den Figuren eine Beziehung aufbauen und sie mögen (oder eben auch nicht) und kennenlernen, vor allem der Wolf hat mir sehr gefallen.

Das Ende zu beschreiben ist schwierig, ohne zu spoilern, sagen wir mal, es ist definitiv passend, rund und sehr emotional.

Nebenbei wird auch noch das (modernere) Thema des Alkoholismus aufgegriffen, dies nimmt aber keine größere Rolle ein, sondern diente für mich eigentlich nur dazu, die Entwicklung einer der Figuren näher zu erklären. Jedenfalls hat dies keinen aufklärerischen Effekt, was in meinen Augen auch nicht nötig war. Einen erhobenen Zeigefinger gibt es glücklicherweise auch in diesem Band der Märchenspinnerei nicht, die Geschichte macht, was ein gutes Märchen tun sollte: Unterhalten und ein kleines bisschen nachwirken. Jede/r LeserIn hat die Möglichkeit, das herauszuziehen, was er oder sie gebrauchen kann, ein sehr stimmungsvolles Leseerlebnis kann ich versprechen.

Viel falsch machen können Märchen- und Fantasyfans demnach nicht, hier ist sie dann also mal wieder: Eine klare Kaufempfehlung von mir ;-)

 

Taschenbuchausgabe 68 Seiten, 2017, Amazon

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