Valentina Kramer

Leuchtend-schwarzer Rabenmond

Märchenspinnerei Band 6

Es sollte eine ganz normale Party werden: Ein Zelt, eine Nacht ganz ohne erwachsene Aufsicht im Wald und eine Truppe Jugendlicher. Ein bisschen Alkohol dazu, und die Stimmung steigt. So jedenfalls hatten Cosima und ihre Freunde sich den Abend gedacht. Vielleicht war es jedoch keine so gute Idee, die neueste In-Droge „Fly“ auszuprobieren...

Als Cosima am nächsten Morgen erwacht, sind ihre Freunde verschwunden, alle, außer Miles, der Junge, der neu in der Clique ist und durch seine dunklere Hautfarbe auffällt.

Zitternd sitzt er auf der Waldlichtung, in der Hand ein undefinierbares Bündel und nicht in der Lage, irgendwelche Auskünfte zu geben. Als Cosima das Kleid einer ihrer Freundinnen im Baum flattern sieht und ein blutiges Messer am Boden entdeckt, nimmt die Geschichte ihren bösen Lauf.

Für die gesamte Kleinstadt ist schnell klar, dass Miles die anderen Jugendlichen ermordet und verscharrt hat, und auch wenn keine Leichen gefunden werden, wird er verhaftet und ihm schlimmes Leid angetan. Eine große Rolle spielt dabei der rassistische Dorfpolizist, aber auch der Rest der Bevölkerung bekleckert sich nicht gerade mit Ruhm. Nur Cosima glaubt an Miles Unschuld, auch wenn ihr zwischendurch Zweifel kommen. Aber wie kann sie ihm helfen und was ist mit ihren Freunden passiert? Hilfe bekommen beide schließlich von unerwarteter Seite und die ganze Geschichte entwickelt sich von einem Thriller zu einer märchenhaften Fantasystory.

 

Die Autorin greift mit ihrer Märchenadaption den wichtigen Themenkomplex Rassismus, Vorurteile und Toleranz auf und verpackt dies in ein rasantes und düsteres Märchen. Sie zeigt auf, wohin es führen kann, wenn man Menschen vorverurteilt, ohne jedes Hintergrundwissen und ohne jede Empathie. Dabei beschreibt sie sehr schön die Beziehungen der Figuren untereinander, ihre Gefühle und Handlungen. Die Ausgestaltung der Protagonisten ist gelungen und insbesondere der Dorfpolizist macht es einem leicht, ihn fürchterlich zu finden. Da nutzt dann auch sein blendendes Aussehen leider nichts.

Der Plot ist sehr gut ausgearbeitet und die Spannungsbögen so gestaltet, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Ein bisschen gestört hat mich allerdings der Schreibstil, es sind ein paar Tippfehler vorhanden und insgesamt ist der Text an manchen Stellen nicht rund gefeilt, er klingt etwas holprig beim Lesen. Nichtsdestotrotz gefällt mir diese Märchenadaption inhaltlich sehr.

Die Erdzählerperspektiven wechseln, sodass man die Geschichte aus verschiedenen Sichtweisen verfolgen kann, unter anderem auch aus der Vogelperspektive, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich denke, ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass diese Adaption auf dem Märchen der sieben Raben aufgebaut ist. Diese neue Variante spielt jedoch in einer modernen Zeit und thematisiert entsprechende gesellschaftliche Problemstellungen.

Auch die Liebe kommt in dieser Geschichte nicht zu kurz, obwohl sie eigentlich nur Beiwerk ist und man nicht allzu viel Romantik erwarten darf.

Das Ende wartet mit Überraschungen auf, es passt aber wunderbar zum Rest des Buches und schließt die Geschichte passend ab.

Die Aussage ist ganz klar und wird schon gleich am Anfang des Buches benannt: Wer nicht bereit ist, tolerant zu sein, kann das Buch gleich wieder an die Seite legen. Wer aber über den Tellerrand schauen mag und Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilt, kann beruhigt mit dem Lesen beginnen. Natürlich nur, wenn er der Fantasyliteratur und Märchen gegenüber genauso aufgeschlossen ist – all jene bekommen eine Leseempfehlung von mir.

 

Märchenspinnerei Band 6, 243 Seiten, Juli 2017