Halo Summer

Aschenkindel

Aschenputtel in neuem Gewand

 

Wie der Name schon vermuten lässt, basiert die Geschichte natürlich auf dem altbekannten Märchen, die Autorin hat dieses jedoch um eine große Bandbreite schöner Elemente erweitert. Erstens hat sie die verschiedenen Varianten gemischt, man findet viele Anteile aus der Fassung der Gebrüder Grimm, von Charles Perrault und auch vom Disneyneschen Cinderella. Vor Allem ist in dieser Geschichte aber ganz viel Neues von der Autorin Halo Summer enthalten, die hiermit ein ganz eigenes, zauberhaftes Märchen erschaffen hat.

Die klassischen Elemente finden sich natürlich wieder: Magie, ein Mädchen, dass für die Stiefmutter und -schwestern die Drecksarbeit erledigen muss, ein Prinz, die Tauben etc.

Viele dieser Dinge verhalten sich aber nicht so, wie es der Märchenkenner erwartet. Die Tauben kleckern eher, anstatt zu klotzen. Die gute Fee ist zwar liebenswert, aber in der Zauberei nicht ganz so begabt. Und der Prinz spielt noch wieder eine ganz andere Rolle.

Claerie Farnflee alias Aschenkindel als Protagonistin ist auch nicht ganz das brave Aschenputtel, sondern durchaus ein bisschen störrisch. Hier ist eine Ähnlichkeit zu dem Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ nicht ganz zu leugnen. Aber diese Mischung aus Kratzbürstigkeit, Liebenswürdigkeit, Stolz und Bescheidenheit macht gerade die große Sympathie aus, die man als Leser für sie empfindet. Diese Eigenschaften sind es dann wohl auch, die sie schließlich ihrem Herzensmann näher bringen.

Neben all diesem Klassischem hat die Autorin auch einige sehr schöne Elemente dazu erfunden: Einen Wald, in dem Vampire hausen. Einen Kaiser samt Söhnen, die eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielen. Einen Flugwurm namens Löwenherz, das Frettchen Natascha und insgesamt eine ganz eigene Welt voller Magie und Alltag. Denn auch wenn diese zwei Begriffe auf den ersten Blick so gar nicht zusammenpassen, ist die Welt um Claerie Farnflee tatsächlich eine eigentlich ganz normale, uns bekannte und alltägliche, wenn auch mit kleineren und größeren magischen Momenten und einem Prinzen zum Anfassen. Die Protagonistin selbst glaubt eigentlich gar nicht an Geister und solche Dinge, ebenfalls nicht, dass ihre tote Mutter ihr helfen würde, wenn sie an deren Grab mit ihr spricht. Ihren Flugdrachen, Vampire und Tarnzauber stellt sie jedoch nicht in Frage, so dass alles was geschieht, irgendwie normal erscheint. So, als sei es von vornherein klar gewesen.

 

In Erwartung des bekannten Märchens war ich einige Male angenehm überrascht und insbesondere die zweite Hälfte des Buches entpuppt sich als ganz neu. Entsprechend spannend war es dann auch beim Lesen.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr einfühlsam, dem Inhalt bestens angepasst und liebevoll detailreich. So bekommt die ganze Geschichte tatsächlich einen märchenhaften Zauber, dem man sich nur schwer entziehen kann, man ist mitten drin in der magischen Welt und zumindest ich habe mich dort sehr wohl gefühlt.

Ganz nebenbei lässt sie dann auch noch ein paar gesellschaftskritische Fragen und Politisches einfließen, aber auch diese Aufgabe haben Märchen wohl schon früher gehabt. Und es ist ja wirklich eine spannende Frage, was für eine Gesellschaft, oder in diesem Fall ein Königreich, besser ist: Freiheit und Unabhängigkeit oder Sicherheit?

Die Gestaltung der Figuren ist angenehm und typisch märchenhaft-stereotyp. Und dass manche der Personen hier eben doch ein bisschen anders agieren, als gedacht, macht das Ganze zu einem spannenden, runden Experiment. Die Schwestern sind dümmlich und biestig, wie erwartet, können aber eben auch doch mal nett sein. Der Prinz zeigt sich als echter Mensch mit Persönlichkeit, und dann ist da noch eine weitere Person, die eine immens große Rolle bekommen hat, und bei der nicht so ganz klar ist, welche sie spielt. Alle Figuren sind klar voneinander zu unterscheiden, haben sich in meinem Kopf schnell als bildlich vorstellbare Geschöpfe gezeigt und ich finde es beinahe schade, dass ich Aschenkindels Welt schon wieder verlassen musste.

Insgesamt ist dies eine sehr gelungene Märchenadaption, die den Kindle Storyteller Award 2016 völlig berechtigt gewonnen hat.

 

276 Seiten, HarperCollins, 2016

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