Hermann Markau

An schönen Tagen wie heute

 

Momentaufnahmen und bemerkenswerte Vorfälle im Leben und Umfeld eines Gewalttäters

Eine dramatische Familiengeschichte im Deutschland des 20 Jahrhunderts, erschreckend realistisch und immer noch aktuell. Ein Buch, das lange im Kopf bleiben wird.

 

Joachim wird in der Nachkriegszeit in Schleswig Holstein geboren und erlebt vorerst eine ganz normale Kindheit. Sein Weg führt ihn kurz ins Ruhrgebiet, bevor er mit seinen Eltern Hanna und Dethlef wieder im hohen Norden heimisch wird. Alles klingt idyllisch und wenig spektakulär, nur langsam schlägt die Stimmung des Buches um. Zwischendurch gibt es immer wieder Rückblicke in Hannas vorheriges Leben, zu ihrer grauenvollen und lebensbedrohenden Flucht von Ostpreußen nach Kiel, zu Erlebnissen, die schon beim Lesen schwer zu ertragen sind. Irgendwann holt sie ihre Vergangenheit ein, sie kann ihre Seele nicht mehr vor dem Erlebten verschließen und die Gänsehautmomente nehmen zu. Auch für Joachim wendet sich das Blatt, bis hin zu einem dramatischen und trotzdem ganz leisen Schluss.

 

Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mich so bewegt hat, so anrührend war. Protagonistin Hanna ist erst 17 Jahre alt, als sie ihre Heimat verlässt, ganz allein und immer mit der Angst vor den Russen oder wahlweise den Nazis im Nacken. Unterwegs lernt sie den etwa gleichaltrigen Fritz mitsamt seiner Familie kennen und beide erleben mehr Leid und Tod, als eine Seele verkraften kann. Mehr als einmal war ich beim Lesen entsetzt wegen der Grausamkeiten des Krieges, für mich nur Fiktion, für viele Menschen, die den 2. Weltkrieg miterleben mussten aber harte Realität. Und selbst heute noch, 70 Jahre später müssen Menschen vor Tod und Leid flüchten. Die Gedanken daran machen das Buch umso erschreckender. Die Handlung dieser Geschichte hätte genauso passiert sein können oder kann jederzeit wieder geschehen, eine schlimme Vorstellung.

 

Der Schriftstil des Autors ist durchgehend der jeweiligen Handlung angepasst, die beschrieben Stimmung überträgt sich sofort auf den Leser, egal ob positiv oder negativ. Die Protagonisten wirken sehr authentisch und echt, es ist kaum möglich, nicht mit ihnen zu leiden oder sich zu freuen (auch wenn diese Momente nur selten sind). Das Leben des kleinen Joachim erklärt sich durch seine Vorgeschichte und v.a. die der Mutter fast von selbst, so dass der Schluss durchaus logisch ist, wenn auch schockierend. Der Vater spielt eine leisere, weniger dramatische Rolle, nichtsdestotrotz eine wichtige. Auch ihn hat der Autor sehr realistisch gezeichnet, seine Unfähigkeit, Stellung zu beziehen, seine beinahe stoische Gleichgültigkeit. Nur selten lässt er Einblicke in seine Gefühlswelt zu.

 

Durch verschiedene Perspektiven und Zeitsprünge hat der Autor einen guten und interessanten Rhythmus zwischen An- und Entspannung geschaffen, er wechselt immer wieder zwischen Hannas Erlebnissen während des Krieges und die ihrer Familie einige Jahre später.

Gut so, die Schrecken der Flucht lassen sich für den Leser auch nur in kleinen Happen ertragen. Zwischendurch berichtet Joachim wieder aus der Ich-Perspektive, was ihn mir sehr nahe brachte.

Im gesamten Buch ist nicht klar, wer gut oder böse ist, wer schuld an irgendwas hat oder wem Fehler anzukreiden sind. Für mich ein weiterer großer Pluspunkt, weil es der Realität entspricht. Es gibt eben mehr Farben als schwarz und weiß.

 

Insgesamt wird mir dieses Buch noch lange in Erinnerung bleiben und ich empfehle es unbedingt weiter. Historisch Interessierte können hier zugreifen und auch solche LeserInnen, die für Familiengeschichten zu begeistern sind. Aber v.a möchte es jenen nahelegen, die immer noch nichts aus unserer deutschen Historie gelernt haben. So etwas wie die deutsche Nazi-Diktatur einschließlich all ihrer Folgen darf sich niemals wiederholen und hoffentlich kehrt auch in anderen Ländern wieder Frieden ein. Bis dahin lasst uns an unterere geflüchteten Vorfahren denken, wenn heute Flüchtlinge nach Deutschland kommen und um Hilfe bitten, hätte man sie damals abgewiesen und ihnen nicht geholfen, wären viele von uns heute gar nicht hier.

 

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Kommentare

  • Hermann Markau (Mittwoch, 29. Juni 2016 10:42)

    Liebe Tanja!
    Ich freue mich über Deine überaus beglückende Rezension. Sie ging mir runter wie Öl. Und vor allem wenn man als Selfpublisher so ganz auf sich allein gestellt ist, was Marketing und verwandte Fragen
    angeht, und dazu auch nicht unbedingt vom Erfolg verwöhnt ist, braucht man solche Feedbacks ab und an.
    Liebe Grüße
    Hermann Markau

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