Richard Dübell

Der Jahrhundertsturm

 

 

Eine Geschichte aus unruhigen Zeiten

 

Der Jahrhundertsturm beginnt im Jahre 1840, als Alvin von Briest den jungen Otto von Bismarck kennenlernt. Diese Zeit ist geprägt von den Nachwirkungen der französischen Revolution, von der beginnenden industriellen Revolution und von der Auflösung der ständischen Gesellschaft. Alles ist im Umbruch, und so wundert es auch nicht, dass der Leser viele Wendungen und Schicksalsschläge an ebenso vielen verschiedenen Orten miterlebt.

Weitere Hauptpersonen sind die junge Französin Louise und der Eisenbahnliebhaber Paul Bearmann. Um diese spinnt der Autor eine spannende, emotionale Dreiecksliebe und die Geschichte einer großartigen, lebenslangen Männerfreundschaft.

Eingebettet ist das Ganze in viele, gut recherchierte historische Ereignisse, zum Beispiel die Entwicklung des Eisenbahnwesens und die politischen Themen dieser Zeit. Ein dauerhaftes Thema ist auch die ständige latente Feindschaft zwischen Deutschland bzw. Preußen und Frankreich.

Insgesamt zieht sich die Geschichte über viele Jahre und Buchseiten, als überblickshafte Inhaltsangabe soll dies erst mal genügen.

 

Sehr positiv aufgefallen ist mir die exzellente Recherchearbeit des Autoren. Er hat sich sehr bemüht, seine Geschichte um die realen Ereignisse zu spinnen und dabei viele Quellen erforscht und eingebracht. Am Ende des Buches führt er auch auf mehreren Seiten an, was seiner Phantasie entsprungen ist und welche Textstellen auf historischen Tatsachen beruhen. So wird der Leser nicht nur in eine schöne fiktive Geschichte verwickelt, sondern auch geschichtlich Interessierte kommen auf ihre Kosten.

Der Sprachstil ist angenehm zu lesen, man ist schnell mitten im Geschehen. Das ganze Buch ist in Kapitel unterteilt, die praktischerweise mit Zeitangaben versehen sind, bei über 1000 Leseseiten hilft dies doch sehr bei der Orientierung.

Die Protagonisten sind sehr anschaulich dargestellt, und selbst wenn man als Leser nicht unbedingt mit ihren Handlungen einverstanden ist, so kann man sie dennoch verstehen. Gerade die drei Hauptpersonen Alvin, Paul und Lousie gewinnen schnell an Sympathie, während Otto von Bismarck immer ein wenig undurchsichtig und verschlagen bleibt. Trotzdem zeigt auch er menschliche Schwächen, die ihn dem Leser näherbringen. Andersherum ist es mit Pauls Schwester Lilly, als Antagonistin perfekt in Szene gesetzt und von Beginn an unsympathisch.

Das Buch bietet einige überraschende Wendungen, wenn ich ehrlich bin, zum Schluss etwas zu viel. Hier zieht sich das Ganze doch in die Länge und der ein oder andere bösartige Anschlag hätte eventuell ausbleiben können. Auch historische Romane müssen nicht unbedingt über 1000 Seiten aufweisen, 800 hätten in diesem Fall gereicht und das Buch wäre in meinen Augen perfekt gewesen.

Alles in allem trotzdem ein sehr gutes Buch, wer sich für die entsprechende Zeit interessiert und generell historische Romane und Familiensagen mag, kann hier beruhigt zugreifen und wird nicht enttäuscht sein.

 

 

Taschenbuch, Ullstein Verlag, Februar 2015