Thomas Pyczak

Ende der Welt

Ein Roman, der sich gegen Genre-Schubladen sträubt und mit bildhaftem Schreibstil glänzt

 

 

Meine Erwartungen an diesen Roman waren hoch, hatte Thomas Pyczak doch mit seinem Werk „Starnberg, Marrakesch, Starnberg“ schon große Begeisterung bei mir ausgelöst. Und was soll ich sagen: Ich wurde nicht enttäuscht. „Ende der Welt“ ist zwar ganz anders, aber alles, was ich an guten Büchern mag, habe ich auch hier gefunden.

 

Doch zuerst zum Inhalt: Eigentlich ist sich André seiner Liebe zu Stella sicher, trotzdem zieht es ihn allein auf eine Reise nach Südamerika. Sich seiner Gefühle wirklich zu vergewissern, bevor er sich endgültig bindet, scheint ihm ein Bedürfnis zu sein. Er lernt Land und Leute kennen, strandet in Feuerland, am Ende der Welt – und verschwindet spurlos. Stella hat ihn niemals vergessen können, wie auch, wenn er seinen Sohn Jan als Erbe hinterlassen hat. André selbst hat nie von dessen Existenz erfahren, Jan jedoch sucht seine Wurzeln. Wo könnte dies besser gelingen als dort, wo die Geschichte seines Vaters endet: In Ushuaia, an jenem Ende der Welt. Stella begleitet ihn auf seiner Suche und muss schließlich erleben, dass auch ihr Sohn spurlos verschwindet. Am gleichen Ort, unter ebenso mysteriösen Umständen. Sollte sie gar beide Männer an diese Stadt verlieren? Und welche Rolle spielen die Legenden und Geschichten um die Ureinwohner, von denen sie einige kennenlernen darf?

Dieses Buch lässt sich tatsächlich nur schwer einem bestimmten Genre zuordnen. Es hat deutliche Anteile eines typischen Thrillers, ohne wirklich blutrünstig daherzukommen. Es hat ebenso Anteile einer romantischen, allumfassenden Liebesgeschichte und natürlich ist es auch ein Reiseroman und eine Abenteuergeschichte. Von allem etwas, das wiederum von dem Autor zauberhaft verwoben wurde. Trotzdem wirkt das Buch nicht durcheinander oder überladen, im Gegenteil, jede Szene fügt sich passgenau in die nächste, und am Ende hat man mehrere Menschen auf ihrer Reise begleiten dürfen. Zurück bleibt das Gefühl, mittendrin gewesen zu sein: In der Geschichte und auch in dem Land.

Dies ist sicherlich dem wunderbaren Schreibstil des Autors geschuldet: Sehr bildhaft und malerisch entführt er den Leser in die unwirtliche Welt Feuerlands, zeigt die Eigenheiten und Persönlichkeiten der Indianer auf und schafft es, so Verständnis zu wecken. Ich würde von diesem Autor tatsächlich jedes Buch lesen, selbst wenn es entgegen meiner sonstigen Lesegewohnheiten wäre, weil er schlichtweg ein begnadeter Geschichtenerzähler ist.

Die Protagonisten erscheinen plastisch und authentisch, nicht immer sympathisch, aber echt. Gerade die Frauenrollen sind dabei sehr schön dargestellt, Stella ist nicht immer herzlich und ich kann ihren Lebensstil ganz sicher nicht vollständig nachvollziehen, aber sie ist das, was ihre Rolle vorsieht: Eine kühle, hanseatische Schönheit, die nach dem Verschwinden ihrer großen Liebe einen Schutzzaun um sich gebaut hat, der in Ushuaia langsam zerbröckelt. Dahinter kommt eine emotionale Frau zum Vorschein, die mich insbesondere zum Ende sehr gerührt hat.

Sehr gefühlvoll ist der Schluss insgesamt, es endet nicht mit einem großen Paukenschlag, sondern relativ leise, stimmig und mitfühlend.

Unterteilt ist das Buch in drei größere Sequenzen: Zuerst erfährt der Leser, wie es André ergangen ist, dann folgt ein Zeitsprung von rund 20 Jahren zu Stellas Reise und schließlich werden im dritten Teil langsam alle Fäden verknüpft. Eine große Rolle bekommt hier eine weitere Frau, die mir ebenfalls sehr gut gefallen hat. Da ich aber nicht spoilern möchte, kann ich dies hier nicht weiter ausführen.

Ganz nebenbei erfährt man als Leser auch noch etwas über Landschaft und Lebensweise in Argentinien, entweder hat der Autor hier sehr gute (theoretische) Recherchearbeit geleistet oder spricht aus eigenen Erfahrungen. Wie auch immer, mich hat es neugierig gemacht.

Insgesamt kann ich auch dieses Buch uneingeschränkt empfehlen. Es dürfte all jenen gefallen, die immer auf der Suche nach dem Besonderen in Geschichten sind, die einen ausgefeilten Sprachstil schätzen und die sich einfach gerne in fremde Gefühls- und Lebenswelten entführen lassen.

 

Taschenbuch, 268 Seiten, 2016

Starnberg. Marrakesch. Starnberg.

Dieses Buch vereint Kulturen und Menschen, Märchen und Philosophie und die harte Realität mit zauberhafter Poesie

 

Wir befinden uns am Ende des Jahres 2016, und ich habe erst letzte Woche darüber nachgedacht, dass ich in diesem Jahr zwar viele schöne Bücher gelesen habe, aber mir ein völliges Jahreshighlight bisher gefehlt hat. Einige waren beeindruckend, andere warteten mit einer tollen Idee auf und wieder andere waren einfach schön geschrieben. Nun, es hat gedauert, aber hier ist es jetzt: Mein persönlicher Bestseller für 2016!

Dabei springt es sogar ziemlich aus meinem gewöhnlichen Leserahmen: Es ist kein Thriller, nicht mal ein Krimi. Düster und bedrohlich ist es auch nicht, und trotzdem hat mich selten ein Buch so eindrücklich berührt. Aber bevor ich weiter in Schwärmerei verfalle, erst mal kurz zum Inhalt.

 

Mia ist überaus erfolgreiche Gründerin einer Internetfirma, sie hat beruflich alles erreicht, was möglich ist und scheint damit auch ganz zufrieden zu sein. Dass dabei keine Zeit für ein Privatleben bleibt, stört sie nicht, sie ist glücklich in ihrem Büro und kommt gar nicht auf die Idee, dass ihr etwas fehlen könnte. Nur dieses Pfeifen im Ohr irritiert sie.

Schließlich kommt sie nicht drum herum, sie muss sich eine Auszeit nehmen und tut dies in dem wunderschönen Starnberg. Was aber tun mit so unerwartet freier Zeit?

Sie lernt eine Frau kennen, die sie in die Meditation einführt und ihr eine gute, wenn auch rätselhafte Freundin wird. Und damit wendet sich nicht nur Mias Blatt, sondern auch der ganze Roman. Schleichend rutscht man als Leser aus einer kalten, materiellen Welt in eine zauberhafte, gefühlvolle, die mehr zu bieten hat als Geld, Macht und Erfolg.

Mia trifft auf Almaz und ihre Familie, auf afrikanische Sichtweisen und Gebräuche und schließlich auf eine Aufgabe, die sie zu erfüllen hat. Dazu führt ihr Weg in die fremde Welt Marrakeschs und spätestens jetzt liegt über der gesamten Geschichte ein Zauber, der mich nicht mehr losgelassen hat. Magie und Märchen, Philosophie und uralte Geschichten, fremde Kulturen und unbekannte Gefühle, all das prasselt auf Mia ein und hinterlässt sie manches Mal ratlos oder auch verängstigt. Und doch wird sie ihren Weg finden, wenn auch ganz anders als gedacht und so nicht vorhersehbar.

Dabei begegnet sie Menschen, deren Handlungen sie nicht versteht, die ihr Gutes oder auch Böses wollen und gemeinsam ist ihnen nur Eines: Sie sind vom Autor alle unheimlich authentisch und liebevoll dargestellt worden.

Nach wie vor ist dies eines der wichtigsten Dinge, die ein gutes Buch für mich ausmacht: Wie wirken die Figuren? Kann ich ihre Handlungen verstehen und ihre Motive nachvollziehen?

Die Personen in dieser Geschichte sind allesamt ganz eigen. Vielleicht stehen sie sie auch für bestimmte Eigenschaften, für Werte, Normen und Vorstellungen. In meinem Kopf waren sie jedenfalls zeitweise sehr real und ich mittendrin in dieser wunderbaren, afrikanischen Märchenwelt. Thomas Pyczak hat es geschafft, sein Marrakesch für mich lebendig werden zu lassen, ohne dass ich jemals dort gewesen bin. Das bunte Treiben auf dem Markt, die kleine Ziege Fatima (tatsächlich übrigens eine der schönsten Rollen in diesem Stück), das Verkehrschaos und die unterschiedlichen Vorstellungen von Recht und Unrecht, all das hätte man kaum bildlicher beschreiben können.

Ich vermute, dass in dem Buch eine große Menge an Recherchearbeit steckt, ganz nebenbei erfährt der Leser Dinge über Familienaufstellungen, Philosophie, Medizin und Literatur und immer wieder: Marrakesch. Kaum eine Kultur könnte für uns Westeuropäer fremdartiger sein, was wohl der Grund ist, dass ich mich immer wieder ein bisschen an die Märchen aus 1001 Nacht erinnert fühlte.

Der Schriftstil passt sich der Geschichte wunderbar an, selbst dieser wirkt ein bisschen mystisch und machte für mich einen großen Reiz beim Lesen aus.

Insgesamt hat selten ein Buch soviel Gefühl transportiert, nur eine Handvoll hat es bisher geschafft, mich zu Tränen zu rühren und ich bin sehr froh, dieses Buch entdeckt zu haben, obwohl es eben so anders ist. Oder besser: Weil es so anders ist.

Ich empfehle dieses Buch unbedingt allen Menschen, die mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt gehen. Und natürlich allen, die noch ein Jahreshighlight brauchen. Ich bedanke mich beim Autor für ein wunderbares Lesevergnügen.

 

291 Seiten, 2016

 

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