Thomas Pyczak

Starnberg. Marrakesch. Starnberg.

Dieses Buch vereint Kulturen und Menschen, Märchen und Philosophie und die harte Realität mit zauberhafter Poesie

 

Wir befinden uns am Ende des Jahres 2016, und ich habe erst letzte Woche darüber nachgedacht, dass ich in diesem Jahr zwar viele schöne Bücher gelesen habe, aber mir ein völliges Jahreshighlight bisher gefehlt hat. Einige waren beeindruckend, andere warteten mit einer tollen Idee auf und wieder andere waren einfach schön geschrieben. Nun, es hat gedauert, aber hier ist es jetzt: Mein persönlicher Bestseller für 2016!

Dabei springt es sogar ziemlich aus meinem gewöhnlichen Leserahmen: Es ist kein Thriller, nicht mal ein Krimi. Düster und bedrohlich ist es auch nicht, und trotzdem hat mich selten ein Buch so eindrücklich berührt. Aber bevor ich weiter in Schwärmerei verfalle, erst mal kurz zum Inhalt.

 

Mia ist überaus erfolgreiche Gründerin einer Internetfirma, sie hat beruflich alles erreicht, was möglich ist und scheint damit auch ganz zufrieden zu sein. Dass dabei keine Zeit für ein Privatleben bleibt, stört sie nicht, sie ist glücklich in ihrem Büro und kommt gar nicht auf die Idee, dass ihr etwas fehlen könnte. Nur dieses Pfeifen im Ohr irritiert sie.

Schließlich kommt sie nicht drum herum, sie muss sich eine Auszeit nehmen und tut dies in dem wunderschönen Starnberg. Was aber tun mit so unerwartet freier Zeit?

Sie lernt eine Frau kennen, die sie in die Meditation einführt und ihr eine gute, wenn auch rätselhafte Freundin wird. Und damit wendet sich nicht nur Mias Blatt, sondern auch der ganze Roman. Schleichend rutscht man als Leser aus einer kalten, materiellen Welt in eine zauberhafte, gefühlvolle, die mehr zu bieten hat als Geld, Macht und Erfolg.

Mia trifft auf Almaz und ihre Familie, auf afrikanische Sichtweisen und Gebräuche und schließlich auf eine Aufgabe, die sie zu erfüllen hat. Dazu führt ihr Weg in die fremde Welt Marrakeschs und spätestens jetzt liegt über der gesamten Geschichte ein Zauber, der mich nicht mehr losgelassen hat. Magie und Märchen, Philosophie und uralte Geschichten, fremde Kulturen und unbekannte Gefühle, all das prasselt auf Mia ein und hinterlässt sie manches Mal ratlos oder auch verängstigt. Und doch wird sie ihren Weg finden, wenn auch ganz anders als gedacht und so nicht vorhersehbar.

Dabei begegnet sie Menschen, deren Handlungen sie nicht versteht, die ihr Gutes oder auch Böses wollen und gemeinsam ist ihnen nur Eines: Sie sind vom Autor alle unheimlich authentisch und liebevoll dargestellt worden.

Nach wie vor ist dies eines der wichtigsten Dinge, die ein gutes Buch für mich ausmacht: Wie wirken die Figuren? Kann ich ihre Handlungen verstehen und ihre Motive nachvollziehen?

Die Personen in dieser Geschichte sind allesamt ganz eigen. Vielleicht stehen sie sie auch für bestimmte Eigenschaften, für Werte, Normen und Vorstellungen. In meinem Kopf waren sie jedenfalls zeitweise sehr real und ich mittendrin in dieser wunderbaren, afrikanischen Märchenwelt. Thomas Pyczak hat es geschafft, sein Marrakesch für mich lebendig werden zu lassen, ohne dass ich jemals dort gewesen bin. Das bunte Treiben auf dem Markt, die kleine Ziege Fatima (tatsächlich übrigens eine der schönsten Rollen in diesem Stück), das Verkehrschaos und die unterschiedlichen Vorstellungen von Recht und Unrecht, all das hätte man kaum bildlicher beschreiben können.

Ich vermute, dass in dem Buch eine große Menge an Recherchearbeit steckt, ganz nebenbei erfährt der Leser Dinge über Familienaufstellungen, Philosophie, Medizin und Literatur und immer wieder: Marrakesch. Kaum eine Kultur könnte für uns Westeuropäer fremdartiger sein, was wohl der Grund ist, dass ich mich immer wieder ein bisschen an die Märchen aus 1001 Nacht erinnert fühlte.

Der Schriftstil passt sich der Geschichte wunderbar an, selbst dieser wirkt ein bisschen mystisch und machte für mich einen großen Reiz beim Lesen aus.

Insgesamt hat selten ein Buch soviel Gefühl transportiert, nur eine Handvoll hat es bisher geschafft, mich zu Tränen zu rühren und ich bin sehr froh, dieses Buch entdeckt zu haben, obwohl es eben so anders ist. Oder besser: Weil es so anders ist.

Ich empfehle dieses Buch unbedingt allen Menschen, die mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt gehen. Und natürlich allen, die noch ein Jahreshighlight brauchen. Ich bedanke mich beim Autor für ein wunderbares Lesevergnügen.

 

291 Seiten, 2016

 

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